Priesterseminar Münster
Schatten

Welcome to America!

Burkhard Töpfel
Burkhard Töpfel

Es ist schon ein mulmiges Gefühl. Man steht nach neun Stunden Flugzeit endlich vor dem Police Officer am Einreiseschalter, zückt seinen Reisepass mit Studentenvisum, gibt seine zuvor beim Amerikanischen Konsulat in Berlin gespeicherten Fingerabdrücke zum Vergleichen ab und muss immer noch damit rechnen, dass sie einen direkt wieder nach Hause schicken, weil man vielleicht doch irgendwo eine falsche Angabe gemacht hat. Aber alles läuft gut. Nach ein paar Routinefragen kann ich mein Gepäck aufnehmen und Father Ken, in dessen Gemeinde (St. Clement) ich für das kommende Jahr wohnen und leben werde, steht schon am Ausgang für Internationale Flüge mit einem Zettel, auf dem mein Name steht, bereit und nimmt mich freudig in Empfang.

Blick auf Downtown Chicago
Blick auf Downtown Chicago

Endlich bin ich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angekommen. Das war vor etwa sechs Monaten, genau genommen am 20. August 2009. Seitdem lebe ich am Lake Michigan gelegenen Chicago hoch oben im Norden der USA und studiere ein Jahr lang an der Loyola University of Chicago.

Doch vor Studienbeginn hieß es erst einmal, sich in einer fremden Kultur und vor allem in einer so großen Stadt zurechtzufinden. Mit etwa 3 Millionen Einwohnern ist Chicago die drittgrößte Stadt der USA und, verglichen mit meinen bisherigen Wohnorten Lohne (Oldenburg) und Münster, einfach gigantisch. Doch wie ich glücklicherweise feststellen konnte, haben meine Englischlehrer in der Schule nicht ganz ihre Zeit mit mir vergeudet, sodass ich mit der Sprache und dem öffentlichen Verkehrsnetz ziemlich schnell zurechtkam.

Neue Bibliothek an der Loyola University
Neue Bibliothek an der Loyola University

Eine weitere große Hilfe war die Universität. Man kann das amerikanische Studiensystem finden wie man möchte, aber eines haben sie uns auf jeden Fall voraus. Sie kümmern sich um ihre Studenten, besonders um diejenigen aus anderen Ländern. Regelmäßig finden "Coffee hours" oder andere Veranstaltungen für die "International Students" statt, so dass man schnell mit Menschen aus der ganzen Welt ins Gespräch kommt, die ähnliche Erfahrungen machen wie man selbst. So entstehen schnell Freundschaften, wodurch man sich sehr bald wohlfühlt. Das Motto der von Jesuiten gegründeten Universität lautet "Ad maiorem Dei gloriam" ("Zur größeren Ehre Gottes"). Dieses spiegelt sich durchaus im Studium am Institut für "Pastoral Studies" wider. Beinahe jedes Seminar beginnt beispielsweise mit einem Gebet, was durch den jeweiligen Professor oder von Studenten vorbereitet wird, sodass man den Grund und das Ziel seines Studiums immer wieder vor Augen geführt bekommt. Das Studium ist anspruchsvoll, aber gleichzeitig auch von einer sehr familiären Atmosphäre geprägt.

Tranchieren des Truthahns
Tranchieren des Truthahns

Neben dem Studium bleibt aber natürlich auch noch genügend Zeit für andere Aktivitäten. Selbst wenn man es versuchte, und auch wenn sich die Teams aus Chicago eher im mittleren bis unteren Drittel der Tabelle bewegen, kann man sich einfach nicht gegen den amerikanischen Sport wehren. Es gibt keine Bar, in der nicht mindestens fünf Flat-Screen-TVs hängen, auf denen verschiedene Sportarten wie Baseball, Football, Basketball oder Eishockey zu sehen sind. So bin ich über die Monate dann doch zu einem Football-Fan verkommen und habe auch schon des Öfteren den Chicago Bulls auf ihrer Jagd nach Punkten zugeschaut. Aber der europäische Fußball ist und bleibt für mich doch das Nonplusultra. Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass die Schwerpunkte im amerikanischen Feiertagskalender etwas anders gesetzt sind als im europäischen Vergleich. So findet das wichtigste Familientreffen im Jahr nicht etwa zu Weihnachten oder Ostern statt, sondern zu Thanksgiving, dem letzten Donnerstag im November. Dort darf selbstverständlich der Truthahn, mit dem man eine ganze Fußballmannschaft versorgen könnte, nicht fehlen. Womit wir auch schon bei der nächsten Beschäftigung wären, der der Amerikaner und ich hier gerne nachgehen, dem Essen. Der Durchschnittsdeutsche geht vermutlich einmal die Woche zum Italiener, und selbst dann kann man froh sein, wenn er nicht das Zigeunerschnitzel mit Pommes bestellt. In Chicago ist die ganze Welt zugegen und jeder bringt seine kulinarischen Köstlichkeiten mit. Ja tatsächlich, hier gibt es nicht nur Burger und Fritten! Im Umkreis von fünf Minuten Fußweg um das Pfarrhaus herum befinden sich mindestens 20 Restaurants aus verschiedenen Ländern, was nicht nur meinen kulinarischen, sondern auch meinen kulturellen Horizont sehr erweitert. Sowieso kann man eigentlich nicht von "dem" Amerikaner sprechen. Jeder hier hat seinen ganz persönlichen kulturellen Hintergrund, was immer sehr interessant ist, aber natürlich auch viel Konfliktpotenzial in sich birgt. Umso bewundernswerter finde ich es, dass dieses Land es schafft, alle diese Kulturen mehr oder wenig friedlich unter der Flagge mit den "Stars and Stripes" zu vereinen.

Meine neue Gemeinde St. Clement
Meine neue Gemeinde St. Clement

Neben all diesen wunderbaren Erlebnissen und Erfahrungen hier in den USA lasse ich aber die Frage nach meinem Weg mit Gott und meiner Berufung nicht außer Acht. Die Freisemester sollen in der Priesterausbildung neben der persönlich menschlichen Entwicklung auch als weitere Prüfung dienen. Die Frage ist, ob sich die persönliche Beziehung zu Gott im Gebet und die priesterliche Lebensweise ohne Stütze der Gemeinschaft im Priesterseminar in dieser Zeit festigen und vertiefen oder ob sie durch das Fehlen dieser Stütze einen Einbruch erleben. Wichtig für meine Entscheidung nach Chicago zu gehen war nicht nur, Kirche, Kultur und Sprache in einem anderen Teil der Welt zu erleben und davon zu lernen, sondern auch für ein ganzes Jahr nicht nach Hause fahren zu können, um Familie und Freunde besuchen zu können. Somit kann ich die Auswirkungen des zölibatären Lebens in extremer Weise erfahren, um am Ende zu einer gereiften Entscheidung gelangen zu können, die für mein ganzes Leben halten soll. Ich wollte erleben, ob mir die Beziehung zu Christus so wichtig ist und ich ihm so sehr vertrauen kann, dass ich in einer fremden Umgebung ohne zunächst jegliche zwischenmenschliche Beziehung dennoch eine Heimat finde und meinen Weg mit ihm gehen kann, so wie es mir in meinem möglicherweise späteren Leben als Priester ebenfalls ergehen wird. Christus hat uns zugesagt: "Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen" (Mt 19,29). Diese Zusage Gottes wollte ich in meinen Freisemestern erfahren, um ihm am Ende im Vertrauen mein Leben zurückgeben zu können, damit ich ganz für ihn da sein kann. Mein Weg mit Gott hier in Chicago ist noch nicht zu Ende und ich bin sehr gespannt auf das, was noch kommen wird. Aber bis hier hin kann ich behaupten, dass seine Zusage keine leere Versprechung war und ich bisher viel mehr von ihm bekommen habe, als ich aufgegeben habe.

Chicago, Februar 2010
Burkhard Töpfel

Weitere Eindrücke aus den USA

Downtown
Blick auf Downtown Chicago

Ausruhen
Ausruhen zwischen den Vorlesungen

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang in Miami 

Freunde
Cheesecake mit Freunden

Gemeindefest
Gemeindefest in St. Clement 

Hochzeitskutsche
 Die etwas andere Hochzeitskutsche

Chicago
Chicago bei Nacht

Priesterseminar
Borromaeum
Münster