

"Es gibt im Leben kein schlimmeres Unglück, als blind zu sein in Granada!"
Bernd Egger innerhalb der Alhambra.
So brachte einst der Dichter Francisco Alarcón de Icaza seine Liebe für Granada auf den Punkt.
Aber zunächst einmal: "¡Hola y buenos días a todos!" Ich bin Bernd Egger, Priesterkandidat aus der Gemeinde St. Felizitas in Lüdinghausen. Seit Ende August des vergangenen Jahres habe ich nun das Glück, in dieser beeindruckenden Stadt in Andalusien im südlichen Spanien leben zu dürfen!
Wie es in den deutschsprachigen Bistümern schon seit vielen Jahrzehnten vorgesehen ist, verbringe auch ich während meines Theologiestudiums zwei Semester außerhalb von Münster – und außerhalb eines Priesterseminars. Ziel dieser "Außensemester", in denen man seinen Studienort frei wählen kann, ist es unter anderem, aus einer gewissen Distanz zum Seminar und nach Hause seine Berufung zu prüfen: "Bekomme ich meinen Lebensalltag in einer neuen Umgebung, in einer normalen ‚Studentenbude‘ und unter zunächst fremden Menschen auf die Reihe? Gelingt es mir auch ohne die Gemeinschaft im Priesterseminar, die mich oft mit trägt, ein geistliches Leben zu führen? Und: Bin ich eigentlich auf dem Weg, für den mich Gott bestimmt hat?" – Dies alles sind Fragen, die ich mit nach Granada gebracht habe.

Fiesta mit einigen Jugendlichen.
Ich lebe hier in einer Dreier-WG zusammen mit einer Studentin aus Norwegen und einem weiteren deutschen Studenten aus Hamburg. Seit Oktober studiere ich an der "Facultad de Teología de Granada", die in Trägerschaft des Jesuitenordens ist. Mit knapp 200 Studenten ein Zehntel der Fakultät in Münster! So bewegt sich die Teilnehmerzahl in den Vorlesungen und Seminaren zwischen acht und 20 Studenten – das schafft eine vertraute Atmosphäre nicht nur unter den Studenten, sondern auch zu den Dozenten. Auch die Zusammensetzung der Studentenschaft ist hier ganz anders als in Münster: Während in Münster die "Laientheologen" überwiegen, sind hier mehr als die Hälfte der Studenten Ordensleute.

Ein Ausflug in die Umgebung.
Was ist nun typisch spanisch oder andalusisch hier? In der Regel duzt man sich, z. B. auch die Professoren in der Uni (das gilt auch für größere Fakultäten) und zur Begrüßung sind die zwei Küsschen rechts und links obligatorisch – gegenüber Männern reicht allerdings der Handschlag! Andalusien gilt als Wiege vieler spanischer Traditionen: Stierkampf und Flamenco beispielsweise haben hier ihren Ursprung. Eine Besonderheit stellen die "Tapas" in Granada dar, denn diese kleinen Häppchen werden hier immer gratis zu den Getränken serviert! Und noch was: So wie in Bayern bei einer anständigen Mahlzeit das kühle Bier nicht fehlen darf, so gehört hier ganz selbstverständlich auch zum Mittagsmenü in der Mensa ein Glas Rotwein.
Granada war die letzte Bastion der Mauren auf der iberischen Halbinsel. 1492 beendeten die "Katholischen Könige" Isabella und Fernando hier die Reconquista mit dem Sieg gegen den Nasridenherrscher Boabdil. Doch bis heute ist der arabische Einfluss spürbar. Vor allem hier in Andalusien sind noch zahlreiche maurische Bauwerke erhalten – das beeindruckendste unter ihnen ist wohl die Alhambra von Granada! Sie liegt nur zehn Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt, so dass ich dort schon viele Stunden verbracht habe.

Die Gärten der Alhambra.
Auch in geistlicher Hinsicht habe ich hier in Granada gut Fuß gefasst. "Santo Domingo" ist eine Pfarrei in meiner Nachbarschaft, die von Dominikanerpatres geleitet wird. Dort besuche ich oft die Messe. Bei der "Pastoral Universitaria" (der Studentengemeinde) nehme ich z. B. am Taizé-Gebet und der Obdachlosenarbeit teil. Bei diesen Aktivitäten sind schon viele Kontakte zu anderen Studenten aus den verschiedensten Ländern entstanden. Außerdem gibt es hier einen Konvent der "Kleinen Schwestern vom Lamm", einem jungen Orden aus Frankreich, in dem ich gelegentlich an der Messe oder am Stundengebet teilnehme. Immer wieder darf ich hier Weltkirche hautnah erleben – und es ist wahr: "Wer glaubt, ist nie allein!"
Mein "Bergfest" hier in Granada habe ich inzwischen hinter mir, doch gut fünf Monate bleiben noch, bis es wieder zurück nach Münster geht. Mein Fazit bis hierher? Die Außensemester sind nicht nur eine Zeit, seinen Horizont zu weiten und ein recht freies Leben genießen zu können, sondern sie bieten auch die Möglichkeit, Gott neu zu begegnen! Wer seine Familie, seine Freunde und sein vertrautes Umfeld für eine Zeit verlässt und im Vertrauen auf Gott unbekannte Wege einschlägt, der kann die intensive Erfahrung machen, wie Gott solche neuen Wege mitgeht!




